Raus aus der Krise geht nur hindurch

Biografiearbeit Blogbeitrag

Plötzlich ist alles anders. Mit einem Paukenschlag schlägt das Schicksal zu. War meine Welt nicht bis gestern noch in bester Ordnung? Ein schönes Zuhause, zwei gesunde Kinder, ein Job, der mir Freude bereitet und mein Mann, der mich schon so lange begleitet. Die alljährliche Krebsvorsorge beim Gynäkologen läuft nicht so reibungsfrei wie gewohnt. Beim Tasten meiner Brust findet meine Frauenärztin ein Knötchen. Ganz klein. Nur wenige Millimeter. Für mich bislang nicht spürbar. Warum ich? Warum jetzt? 

“Geh du vor”, sagte die Seele zum Körper, ” auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf dich.”

“Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für dich haben”, sagte der Körper zur Seele.

Ulrich Schaffer

Biografiearbeit: eine ganzheitliche Methode ergänzt die Schulmedizin

Einige Tage später treffe ich meine Freundin im Café und erzähle ihr von meinem Schicksalsschlag. Sie schlägt mir vor, neben der Chemotherapie auch etwas für meine Seele zu tun – und zwar mit einer Biografie-Beratung. Dabei handelt es sich um eine ganzheitliche Form der Lebensberatung. Das Ziel dieser Coaching-Methode: Den eigenen Lebensweg besser zu verstehen. Schicksalsschläge und Krisen einzuordnen. Den roten Faden im Leben zu finden und aufzugreifen. Im Gegensatz zur klassischen Psychotherapie arbeitet ein Biografie-Coach zukunftsorientiert. Hmm… Das klingt interessant.

Mein erstes Treffen mit dem Biografie-Coach 

Gespannt und ein wenig aufgeregt betrete ich die Praxis des Biografie-Coachs und bin angenehm überrascht. Der Empfang ist sehr herzlich und die grünen Coaching-Sessel neben dem Rosenstrauß wirken einladend. Ein duftender, heißer Tee wartet auf mich. Und ein freundliches Lächeln. Ich erzähle von meiner momentanen Lebenssituation. Von meinen Ängsten und von meinen Fragen. Vor allem von der einen immer wiederkehrenden Frage nach dem „Warum?“.

Ich erfahre gleich als erstes, dass mich die Frage „Warum?“ nicht weiterbringen wird. Denn diese Art von Fragen halten mich fest – in der Starre, in der Vergangenheit, im Leid, in der Perspektivlosigkeit. Neue Blickwinkel und Möglichkeiten eröffnen sich mir mit folgenden Alternativfragen: Welche Botschaft möchte mir meine Seele über den Weg der Krankheit mitteilen? Was ist mein nächster Entwicklungsschritt? Was mache ich nun aus der Krisensituation?

Anhand einer Grafik erklärt mir mein Coach das Wesen einer jeden Krise. Denn egal, ob es sich um eine Trennung, den Verlust eines lieben Menschen, Arbeitslosigkeit oder eine schwere Erkrankung handelt: Es ist immer ein typischer Verlauf erkennbar. Manche Phase durchlaufen wir schneller als andere Phasen. Abhängig von der Art der Krise und der vorliegenden Persönlichkeit kann es auch einen zweiten Durchlauf geben. 

Krisen verlaufen in in vier Phasen

1. Phase: Nicht-wahrhaben-wollen

Diese Phase kann von Schmerz ebenso wie von innerer Versteinerung begleitet sein. Sie geht mit einem Schock, mit Verdrängen und Leugnen einher. 

2. Phase: Achterbahn der Gefühle

In dieser Phase erleben wir die großen Gefühle von Schmerz, Wut, Verlassenheit, Schuld und Vorwürfen. Wir fragen uns des Öfteren „Warum ich?“. Innere Unruhe, Schlaflosigkeit, ein Chaos von aufbrechenden Emotionen überwältigen uns. Wichtig an dieser Stelle ist es, nichts zu verdrängen! Jedes aufkommende Gefühl möchte seinen Raum erhalten und einfach nur gefühlt werden. Am Ende dieser Phase gelangt die Krise an ihrem Höhepunkt. Danach können wir auf den Neuanfang vertrauen.

3. Phase: Sich trennen, loslassen, suchen & finden

Jetzt akzeptieren wir das Geschehene. Manchmal sind wir sogar erleichtert darüber. Wir beginnen, wieder Verantwortung für unser Leben zu übernehmen und denken über mögliche Veränderungen nach.

4. Phase: Neuen Selbst- und Weltbezug leben

Wir lassen den Schmerz los und öffnen uns wieder für unsere Umwelt. Es bilden sich neue Werte, Überzeugungen und Beziehungen. Bisherige Erfahrungen und Erkenntnisse werden im darauffolgenden, neuen Lebensabschnitt integriert und ausprobiert.

Ich erkenne für mich: Jede Krise stellt eine Chance dar, in der ich mein gegenwärtiges Leben mit neuen Strukturen verändern kann. Fast jede Krise ist verbunden mit nachhaltigen Veränderungen. Ich werde gezwungen, meine Komfortzone zu verlassen und mein Leben anders zu denken. 

Ich hoffe zu erleben, dass…
…ich mir nach meiner Krise bewusste Horizonte erschlossen habe. 
…ich generell offener für neue Perspektiven und Erfahrungen geworden bin. 
…ich das Leben neu entdeckt habe. 

»Ich erlaube mir, Unterstützung zu holen.«

»Ich bin gespannt auf das Licht am Ende des Tunnels.«

»Her mit dem Potenzial dieser verdammten Krise!«


Bereichert gehe ich nach Hause. Mithilfe von Farben, Pinseln und alten Zeitschriften stelle ich eine Collage her. Das ist meine erste Hausaufgabe bis zum nächsten Treffen. In der Mitte platziere ich den dritten Stärkungssatz, über den ich beim Lesen immer wieder schmunzeln muss. Seelisch genährt suche ich mir in meiner Wohnung einen gut sichtbaren Platz für meine Collage. Abends höre ich mir die empfohlene Heilmeditation an. Das tut mir richtig gut und seit Tagen kann ich den ersten Abend wieder besser einschlafen. Ich bin gespannt auf den nächsten Termin, den wir für die kommende Woche verabredet haben.

Der Lebenskreislauf im 7er-Rhythmus

Beim zweiten Termin erläutert mir der Biografie-Coach den Kreislauf des Lebens in Bezug auf mein Alter. Alle sieben Jahre erneuern sich unsere Zellen vollumfänglich. Gleichzeitig findet auch eine große innere Umwälzungen statt. Jedes Lebensjahrsiebt hat seine spezifische Fragestellung, seine typischen Themen und Herausforderungen. Wenn wir uns das Leben als Haus vorstellen, gibt es für jedes Lebensjahrsiebt ein eigenes Zimmer.

In der Lebensmitte von 42 bis 49 tauchen die kleinen und größeren Themen auf, die wir in unserer Kindheit aus Selbstschutz verdrängt haben. Im Abbild unseres Lebenshauses sind das unsere „Kellerthemen“, denen wir uns nun im 7. Lebensjahrsiebt zuwenden. Unser Ich – als das Zentrum unserer Seele – ist nun so stark und bewusst, dass wir beginnen können, unsere Vergangenheitsthemen zu verstehen und sie in unser Leben zu integrieren.

Das 7. Lebensjahrsiebt: 42 bis 49 Mittsommerzeit

Das große Thema dieser Lebensphase ist die Authentizität. Wir können innehalten und uns mit Blick auf die Vergangenheit fragen: Wer bin ich geworden? Wo habe ich einen klaren Blick auf die Realität? Habe ich den Mut blinde Flecken anzuschauen? Sehe ich immer gleich das Unmögliche oder bleibe ich zukunftsoffen?
Wir können weghören und unbemerkt weiterleben wie bisher. Wir können aber auch genauer hinhören. In den 40ern fängt die Zeit der geistigen Entwicklung an. Die Biografen sagen, dass wir erst mit 42 Jahren beginnen, wirklich erwachsen zu sein. Erwachsensein bedeutet „reif sein“ bzw. „bereit sein“.

Der Coach fragt mich ganz direkt: „Willst du wirklich für dich selbst die Verantwortung übernehmen? Dein Zukunfts-Ich möchte von dir wissen, was das Wesentliche ist. Was ist also wirklich wesentlich für dich?“ Puh… Diese Frage finde ich echt herausfordernd. Antworten wollen so gar nicht in mir auftauchen. Der Biografie-Coach beruhigt mich: „Lebe spielerisch mit diesen Fragen. Dann wirst du mit der Zeit immer besser in Kontakt mit deiner inneren Stimme kommen. Nach und nach beantwortet sich schließlich die Frage nach deinem Lebensmotiv immer konkreter.“

Das mir noch unbekannte Ureigene nicht aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig meine Lebenspflichten zu bejahen. Das ist für mich eine neue Basis, um gute Entscheidungen zu treffen und neue Fähigkeiten zu erlernen. Um das Basisthema meiner Lebensphase noch deutlicher zu veranschaulichen, erläuterte mir mein Coach das Märchen Dornröschen aus biografischer Sicht.

Dornröschen: Märchenmethaper zur Krise in der Lebensmitte

Wir erinnern uns: An Dornröschens Taufe wurde die 13. Fee ausgeladen, weil es nur zwölf goldene Teller gab. Die Absage an diese Fee können wir als Bild für ein Familienthema begreifen, welches unter den Teppich gekehrt und nie behandelt wurde. Themen, die verdrängt werden, vergrößern sich in der Dunkelheit des Unbewusstseins. So wie Dornröschen von der Spindel gestochen wird, werden wir zwar von außen „angepikst“, gehen innere und äussere Konflikte aber nicht an, sondern versinken in einen tiefen Schlaf bezüglich dieses Themas.

Im Märchen nach 100 Jahren, im realen Leben nach ca. 40 Jahren, steht plötzlich das schlafende Dornröschen auf unserer Lebensbühne. Der junge Prinz scheut keine Mühe das Dornröschen – unseren verletzten, abgespaltenen Seelenanteil – zu erlösen. Der Prinz steht für unser junges, mutiges Zunkunfts-Ich. Mit Dornröschen erwacht der gesamte Hofstaat – all unsere Potenziale können sich endlich im Hier und Jetzt entfalten.

Befreit von den Themen der Vergangenheit und vermählt mit dem Zukunfts-Ich reitet Dornröschen in die eigene Zukunft – in das eigene Königreich. Biografisch kann mit der Überwindung der Lebensmittekrise das authentische, eigene Leben nach 40 beginnen. 

Nach diesem Treffen verlasse ich sehr nachdenklich die Praxis meines Biografie-Coaches. Um mich wachzurütteln musste meine Seele ein ganz schön starkes Geschoss auffahren – die Krebserkrankung. Ich bin gespannt und neugierig, welche Botschaft hinter der Erkrankung liegen wird. 

Die Sprache der Seele

Bei unserem dritten Treffen erfahre ich, dass der Krebs sich in fast allen Regionen und Organen des Körpers ausbreiten kann. Äußerst selten ist allerdings das Herz betroffen – das Organ der Liebe. Die Schulmedizin spricht häufig auch vom Neoplasma, was übersetzt „neues Wachstum“ heißt. Damit wird das vorhandene Problem bzw. die Botschaft der Seele angedeutet. Hier formt sich etwas aus. Es passiert Wachstum auf einer Ebene, wo es nicht hingehört. Notwendig wäre das Wachstum im Bewusstseinsbereich, also auf seelischer Ebene.

Uneingestandene, selbstzerstörerische Lebensprobleme verhindern die Selbstverwirklichung und die Entwicklung der eigenen Lebensaufgabe. Sie lassen die Betroffenen kaum leben, sondern „herumkrebsen“ und bereiten so der Erkrankung die Basis. Die Entartung der Zellen symbolisiert, wie weit der Besitzer vom ureigenen Weg abgekommen ist. 

Um meinen Weg besser zu ergründen und in der Tiefe zu verstehen werde ich gebeten, meinen Lebensfluss mit Kreide aufzumalen. Ich erfahre, dass es bei dieser Übung um eine rein abstrakte Darstellung geht. Das Bild dient meinem Erkenntnisprozess. Ich darf dabei alle begrenzenden Gedanken loslassen. Ich greife zur ersten Kreide und lege einfach los.

Als ich zu Ende gemalt habe, schauen wir uns gemeinsam das Bild an. Wir sprechen ausführlich über meine Lebensphasen, über meine Mondknotenpunkte, über Krankheiten und deren Bedeutung. Der Krebs war nicht die erste Botschaft meines Körpers. Alle vorherigen Botschaften hatte ich geflissentlich überhört. Wir schauen uns all meine Krankheitsbilder an und prüfen die darin enthaltenen Lernaufgaben. Meine Schlüsselfragen zum Thema Krebs lauten:

Wo liegt meine (Auf-)Gabe, meine Begabung?
Wo passe ich mich über Gebühr und gegen mein Lebensinteresse an?
Ist mein bisheriger Lebensweg wirklich mein (ur-)eigener?
Wer bin ich und was ist mir wirklich wichtig?
Was tue ich, wenn ich konsequent der Freude meines Herzens folge?

Jeder Weg entsteht beim Gehen

Wenn ich auf meinen Weg der Biografiearbeit zurückblicke, bin ich dankbar für die vielen wertvollen Impulse und Augenöffner. Ich verstehe mein bisheriges Leben mit den sich wiederholenden Ereignissen besser. In Begleitung war es mir möglich auch in den Keller hinab zu steigen und mich mit „meinen Leichen“ zu beschäftigen. Endlich darf ich nach und nach Frieden mit meiner Vergangenheit schließen. Jetzt habe ich neuen Mut gefasst, die anstehenden Veränderungen anzupacken. Ich werde dem Ruf meines Herzens lauschen und dementsprechend handeln.

Mein abschließendes Resümee zu dieser Erfahrung: Die liebevolle Begleitung, die ich vor allem in der zweiten Phase meiner Lebenskrise erfahren habe, war für mich enorm unterstützend. In dem achtsamen, geschützten Raum, den mir mein Coach eröffnete, gelang es mir viel leichter, mich mit allem zu zeigen, was mich im Innersten bewog. Ich konnte mich meinen Themen stellen. Speziell auch dem, was ich lange nicht fühlen wollte. Das hätte meine beste Freundin nicht leisten können. Da sie mir so nahe steht, wäre es ihr nicht gelungen, den nötigen Abstand zu wahren. Folgenden Text, den ich am Ende der Biografiearbeit vorgelesen bekam, möchte ich nun gern auch mit euch teilen:

Bewusst zu werden heißt nicht immer nur, dich selbst besser zu verstehen, deine Motive zu prüfen, zu wachsen und zu reifen. Es kann auch das Stillstehen sein, dieses Ruhen im Herzen der Welt, und von dort aus das Leben wahrzunehmen ohne zu urteilen und zu vergleichen, ohne Feststellungen und Einschätzungen zu suchen, und dann am Ende über das Denken hinauszugleiten, wie ein Schiff, das aufs Meer treibt. Da gelten nicht mehr die Regeln des Festlandes, nicht mehr die Sicherheit des Bekannten, nicht mehr die Spuren im Sand, sondern nur noch die Weite, die Gischt der Wellen, das Licht am Horizont. Da tritt das Große, das keiner Erkenntnis gleicht, ins Bewusstsein. Da leuchten nachts die Sterne im stillen Wasser.

Ulrich Schaffer

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